Menschen im polnisch-deutschen Grenzort Zbaszyn / Bentschen im November 1938 während der sog. "Polenaktion"

Nachlass Friedel Mayer

Ein Opfer der Polenaktion 1938

Am 28./29. Oktober 1938 begann die sogenannte "Polen-Aktion". Betroffen von dieser reichsweiten Ausweisungsaktion waren auch über 2.000 Jüdinnen und Juden aus Frankfurt, darunter die damals 16-jährige Friedel Mayer.

Ende Oktober 1938 ließ das NS-Regime etwa 17.000 Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich gewaltsam über die Grenze nach Polen abschieben. Anlass zu dieser bis dato größten Ausweisungsaktion in der deutschen Geschichte bot eine Verordnung der polnischen Regierung. Danach sollten ab dem 29. Oktober 1938 die Pässe von polnischen Staatsbürgern jüdischen Glaubens, die länger als fünf Jahre im Ausland lebten, nicht mehr gültig sein. Die NS-Behörden nutzten die neue von Polen geschaffene Rechtslage und schoben die im Deutschen Reich lebenden Juden polnischer Herkunft ab.

Massenabschiebung

Postkarte von Friedel Bendkower an ihren Vater David Bendkower wegen ihrer Ausweisung während der sog. "Polenaktion" 1938
Völlig überrascht von ihrer Ausweisung war auch die damals 16-jährige Friedel Bendkower aus Frankfurt, wie aus dieser Postkarte aus ihrem Nachlass hervorgeht.

Die betroffenen Personen wurden von der Maßnahme völlig überrascht, meist nachts verhaftet, in Gefängnisse gebracht und mit Sammeltransporten unverzüglich über die Grenze nach Polen verschleppt. Ausgenommen war nur, wer bereits ein gültiges Ausreisevisum in ein Drittland vorweisen konnte. Erklärtes Ziel der Aktion war es – so der Wortlaut aus einem Schnellbrief Himmlers auch an den Frankfurter Polizeipräsidenten – „eine möglichst große Zahl polnischer Juden, namentlich der männlichen Erwachsenen, rechtzeitig vor dem genannten Zeitpunkt [29. Oktober 1938] über die Grenze nach Polen“ zu bringen. Dabei seien die Reisekosten möglichst von den Ausgewiesenen selbst „beizutreiben“.

Menschen als Spielball der Mächte

Die ersten Züge hatten bereits die Grenze passiert, als die polnischen Behörden bemerkten, dass sich das „Dritte Reich“ der jüdischen Bevölkerung mit polnischem Pass massenweise zu entledigen suchte. Sie stoppten die Transporte an den Grenzstationen. Gewaltsam versuchten nun SS- und Gestapo-Leute, die Menschen auf polnisches Territorium zu treiben. Die Deportierten blieben im Grenzgebiet zunächst ihrem Schicksal überlassen – meist ohne Unterkunft und Verpflegung. Erst nachdem die polnische Regierung drohte, gegen in Polen lebende Deutsche ähnlich rigoros vorzugehen, einigten sich die Verantwortlichen schließlich: Einem Teil der Menschen wurde der Übertritt nach Polen nun dauerhaft gestattet. Die restlichen – darunter allein 2.000 Jüdinnen und Juden aus Frankfurt – konnten zum Teil Anfang November 1938 bzw. ab Januar 1939 in der Regel auf eigene Kosten in ihre Heimatorte und in die dort versiegelten Wohnungen zurückkehren.

Herschel Grynszpan

Von der „Polen-Aktion“ betroffen waren auch die Eltern und Geschwister des damals 17-jährigen Herschel Grynszpan aus Hannover. Empört über die verbrecherische Abschiebung, von der Grynszpan Anfang November Kenntnis erhalten hatte, verübte der illegal in Paris lebende junge Emigrant am 7. November 1938 ein Attentat auf den deutschen Legationssekretär Ernst vom Rath, der zwei Tage später, am 9. November, seinen Schussverletzungen erlag.

Novemberpogrome

Umgehend nach Bekanntwerden des Todes Ernst vom Raths nahmen führende Nationalsozialisten die Tat zum Vorwand, die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland als „spontanen Sühneakt des Volkszorns“ zu initiieren. Keinesfalls sollte und wollte die NSDAP als Urheberin oder Organisatorin des zentral gelenkten Terrors dieser Tage in Erscheinung treten. Im reichsweiten Vergleich – so die Beobachtungen des Historikers Wolfgang Wippermann – zeichnete sich der Furor in Frankfurt durch eine „besonders radikale und brutale Färbung“ aus. Das mag auch daran gelegen haben, dass Täter wie Opfer des Pariser Attentats biografische Beziehungen zur Main-Metropole hatten: Grynszpan besuchte 1935 für ein Jahr die Rabbinische Lehranstalt Jeschiwa im Frankfurter Ostend, Ernst vom Rath war gebürtiger Frankfurter.

Gefangen in Polen

Menschen im polnisch-deutschen Grenzort Zbaszyn / Bentschen im November 1938 während der sog. "Polenaktion"
Menschen im polnisch-deutschen Grenzort Zbaszyn / Bentschen im November 1938 während der sog. "Polenaktion" © Institute of Contemporary History and Wiener Library, London

Die in Polen verbliebenen Personen hielten die dortigen Behörden zumeist im Grenzort Zbaszyn (Bentschen) fest, wo sie auf einem Kasernengelände in ehemaligen Pferdeställen und Baracken unterkamen. Versorgung und hygienische Zustände für die etwa 5.000 Menschen waren katastrophal, obwohl sich polnisch-jüdische Hilfsorganisationen in den folgenden Monaten darum bemühten, die Lage der Verschleppten zu verbessern und eine rasche Auflösung des Lagers zu erreichen. Trotz einer späteren Lockerung der Aufenthaltsbestimmungen seitens der polnischen Behörden, gelang es vielen Internierten aber nicht mehr, sich vor dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 in das Exil zu retten. Die meisten von ihnen wurden während der Zeit der deutschen Besatzung in Konzentrations- oder Vernichtungslager deportiert und ermordet.

Frankfurter Schoa-Opfer

Für Frankfurt am Main wissen wir von etwa 200 Personen, die infolge der „Polen-Aktion“ weiter „nach Osten“ verschleppt und später Opfer der Schoa wurden. Der Historiker Wolf Gruner hat darauf hingewiesen, dass die im Oktober 1938 gesammelten Erfahrungen in die Planungen des Reichssicherheitshauptamtes für die Massendeportationen aus dem Deutschen Reich ab Oktober 1941 einflossen.

Nachlass Friedel Mayer

Reisepass von Friedel Mayer, geb. Bendkower, ausgestellt in Frankfurt am Main, 1939
Reisepass von Friedel Mayer, geb. Bendkower, ausgestellt in Frankfurt am Main, 1939

2017 erhielten wir den kleinen Nachlass von Friedel Mayer, USA, als Schenkung. Friedel (Frume) kam 1922 in Frankfurt am Main als Tochter von Regina und David Bendkower zur Welt. Drei Jahre zuvor waren die Eltern nach Frankfurt gezogen. Ab 1925 führte die Mutter die „Hut- und Mützen-Zentrale“ mit einer Fabrikation von Uniformen. Von ihrem Ehemann ließ sie sich scheiden. Er konnte sich früh ins US-amerikanische Exil retten.

Als polnische Staatsbürgerin wurde Friedel am 28. Oktober 1938 im Rahmen der „Polen-Aktion“ allein aus Frankfurt verschleppt. Noch im Zug schrieb die 16-Jährige dem Vater eine Postkarte: „Ich habe gar nichts. Bin ausgewiesen nach Polen ganz allein ohne alles. (…)“

Friedel und ihr jüngerer Bruder konnten später in die USA flüchten. Die Mutter wurde am 11. November 1941 bei der zweiten Massendeportation aus Frankfurt am Main gewaltsam in das Ghetto Minsk verschleppt und ermordet.