Ludwig und Else Meidner bei der Ausstellungseröffnung in der Ben Uri Gallery, London, Oktober 1949, Fotograf unbekannt.
Rückblick

Ludwig und Else Meidner

 / 25.03.2002 - 12.06.2002

Das Jüdische Museum Frankfurt betreut in seinem Ludwig Meidner-Archiv die umfangreichen künstlerischen Nachlässe des Ehepaars Ludwig und Else Meidner. Beiden blieb, wie vielen jüdischen Künstlern ihrer Generation, infolge von Verfemung und Emigration zu Lebzeiten eine angemessene Würdigung ihres Schaffens verwehrt. Erstmals seit über 50 Jahren wird in dieser Ausstellung das Lebenswerk der beiden Künstler gemeinsam präsentiert.

Diese Form der Präsentation ermöglicht es, auf die wechselvolle Beziehung innerhalb der Künstlerehe (Lehrer – Schüler, Ehepaar, Konkurrenten oder Kollegen) als Triebfeder für künstlerisches Schaffen einzugehen und die gegenseitigen Einflüsse sichtbar zu machen. Die Ausstellung wird anschließend vom 30. Juni bis zum 1. September in der Londoner Ben Uri Gallery (The London Jewish Museum of Art) gezeigt, wo 1949 zuletzt die Arbeiten der beiden Künstler in einer Doppelausstellung zu sehen waren.

Gemälde von Ludwig Meidner, Das Eckhaus (Villa Kochmann, Dresden), 1913
Ludwig Meidner, Das Eckhaus (Villa Kochmann, Dresden), 1913; Öl auf Leinwand, 92,7 x 78,0 cm; Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © Ludwig Meidner-Archiv, Jüdisches Museum Frankfurt

Ludwig Meidner (1884–1966) ist als bedeutender Vertreter des urbanen Expressionismus mittlerweile wieder entdeckt worden. 1912 hatte er gemeinsam mit Jakob Steinhardt und Richard Janthur die Künstlergruppe „Die Pathetiker” gegründet. Die Ausstellung der „Pathetiker” in Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm” bedeutete den künstlerischen Durchbruch für Ludwig Meidner. Fasziniert vom pulsierenden Leben der Großstadt malte er kubo-futuristisch inspirierte Straßenszenen und ekstatische Weltuntergangsvisionen, seine sogenannten „Apokalyptischen Landschaften”. Parallel entstanden expressive Portraits, vor allem eindringliche Selbstbildnisse und Portraits der Berliner Literaten und Künstler, in deren Kreisen Meidner sich bewegte.

Als Else Meyer (1901–1987) ihrem späteren Mann Ludwig Meidner zum ersten Mal begegnete, unterrichtete er an einer Berliner Kunstschule, an der sie Zeichenunterricht nahm. Kurz nach diesem ersten Zusammentreffen wechselte sie in seine Klasse und wurde seine Schülerin. Die talentierte, enthusiastische Kunststudentin aus wohlhabendem Hause (ihr Vater war ein renommierter Berliner Arzt) war von Käthe Kollwitz und Max Slevogt in ihrem Vorsatz bestärkt worden Künstlerin zu werden. Von ihren frühen Werken – düsteren Szenarien voller Gewalt und Dramatik – sind nur wenige erhalten. Wohl unter dem Einfluss Meidners wandte sie sich verstärkt dem Portrait zu und begann, nachdem sie zunächst ausschließlich gezeichnet hatte, zu malen.

Else Meyer war eine sehr impulsive und extrovertierte junge Frau und eine sehr eigenwillige Künstlerin. Ludwig Meidner führte hingegen in seinem spartanischen Dachatelier das etwas eigenbrötlerische, bohemehafte Leben eines Künstlerpoeten mit ausgeprägtem Hang zum Mystizismus. Obwohl in ihren Charakteren so grundverschieden, verband sie doch eine, bei allen Unterschieden in Stil und Themenwahl, sehr ähnliche Grundhaltung zur Kunst. Für beide beschränkte sich künstlerisches Arbeiten stets nicht nur auf das Formale oder Handwerkliche. Für beide war die Kunst vielmehr eine Möglichkeit, ihr Innerstes unmittelbar auszudrücken und zu hinterfragen – daher auch die zahlreichen Selbstportraits, die sich in allen Schaffensphasen der beiden Künstler finden.

Nach der Heirat im Jahre 1927 führten die Meidners in Berlin eine – nicht immer ganz unkomplizierte – Künstlerehe. 1929 wurde der gemeinsame Sohn David geboren. Besonders in den Gemälden aus dieser Zeit wird deutlich, wie sich Else Meidner aus dem Schatten ihres Lehrers und Gatten löste. In ihren Portraits und Landschaften sind Einflüsse der Neuen Sachlichkeit und des Magischen Realismus spürbar. Die Werke der jungen Künstlerin fanden Anerkennung – 1928 wurde ihre Portraitradierung von Alfred Döblin von den „Schaffenden” ausgezeichnet und im „Kunstblatt” abgebildet. In ihrer ersten großen Einzelausstellung bei den Juryfreien in Berlin wurden 30 ihrer Arbeiten gezeigt und von der Kritik durchweg lobend besprochen.

Während Else Meidner die jüdische Tradition fast nie in ihren Werken thematisierte – nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb sie, sie sei keine jüdische Künstlerin, sondern gehöre der „Kunst der Welt” an –, befasste sich Ludwig Meidner seit dem Ersten Weltkrieg intensiv mit dem Judentum. Nicht nur seine zahllosen Bibelszenen und Portraits von Propheten und Büßern zeugen von der zentralen Bedeutung der Religion für sein Leben. Auch in zahlreichen Essays, Feuilletons und Gedichten, die zum Teil in Berliner Zeitungen veröffentlicht wurden, bekannte er sich zum Judentum, das seine geistige Heimat geworden war.

Bereits 1932 verlieh Meidner in einem Brief an den Malerkollegen John Uhl seinen Befürchtungen bezüglich den wachsenden Antisemitismus Ausdruck: „Wir wohnen hier in einer hoch-nationalistischen Gegend, sind fast die einzige jüdische Familie ringsherum und als solche schon bekannt und würden unter Umständen sehr in gefährliche Situationen hineinkommen.” Die künstlerischen Möglichkeiten von Ludwig und Else Meidner wurden nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten immer stärker eingeschränkt. Ausstellungen waren nur noch im Rahmen jüdischer Organisationen, etwa dem Jüdischen Kulturbund möglich. Das Jüdische Museum in Berlin zeigte zu seinem 50. Geburtstag eine Auswahl Bildern Ludwig Meidners. Wohl auf sein Drängen hin wurde in dieser Ausstellung auch eine kleine Auswahl von Werken seiner Gattin präsentiert. 1937 waren seine Bilder jedoch erneut in ganz Deutschland zu sehen: die Ausstellung „Entartete Kunst” präsentierte an prominenter Stelle ein Selbstportrait des „Maljuden” Ludwig Meidner.

Um dem wachsenden antisemitischen Druck in Berlin zu entgehen, zog Ludwig Meidner mit seiner Familie 1935 nach Köln, wo er an der jüdischen Schule Jawne Zeichenunterricht erteilte. Obwohl Meidner nicht glücklich darüber war, Kinder unterrichten zu müssen, eine Aufgabe, die ihn in gewisser Weise auch überforderte, gelang es ihm doch, einen kleinen Kreis seiner Schüler für die Kunst zu begeistern. Mit einigen seiner ehemaligen Schüler hielt er noch jahrzehntelang brieflichen oder persönlichen Kontakt. Künstlerisch begann in Köln eine Zeit zunehmender Isolation, ohne die Möglichkeit, sich mit anderen Künstlern auszutauschen oder die eigenen Werke auszustellen. Nachdem mehrere Ausreisepläne verworfen worden waren, emigrierte das Ehepaar im August 1939, kurz vor Kriegsbeginn, nach England.

In England leben die Meidners unter kärglichsten materiellen Bedingungen. Nach Kriegsbeginn wurde Ludwig Meidner als „enemy alien” inhaftiert, die Situation im Internierungslager, in dem sich zahlreiche Intellektuelle befanden, war jedoch durchaus erträglich, zumal hier auch das materielle Überleben gesichert war. Else Meidner war hingegen gezwungen, in dieser Zeit eine Stelle als Dienstmädchen anzunehmen, um sich über Wasser halten zu können. Nach Kriegsende besserte sich die materielle Lage des Ehepaares zunächst kaum. Von ihrer Kunst konnten sie in England nicht existieren. Mit den spärlichen Einnahmen von Portraitaufträgen und privaten Zeichenstunden konnte Ludwig Meidner seine Familie kaum ernähren, und so waren sie auf die Unterstützung von Freunden und Gönnern angewiesen.

Ludwig und Else Meidner, die sich zusehends auseinander lebten, entwickelten in England ganz individuelle Bildwelten – er etwa in seinen religiösen Darstellungen und in humoristischen Blättern, sie in allegorischen Darstellungen, in denen etwa das Motiv der Maske eine zentrale Rolle spielt, oder in den zahlreichen Frauenakten, die sie seit dieser Zeit schuf. Ludwig Meidner fehlte in London trotz gewisser Erfolge – 1949 zeigte die Ben Uri Gallery in einer Doppelausstellung Werke von ihm und seiner Frau – die künstlerische Perspektive. Auch nach über zehn Jahren im Exil hatte er keinen Anschluss an den Kunstbetrieb in England gefunden und die wenigen, die seine Kunst hier schätzten, waren fast alle ebenfalls deutsch-jüdische Emigranten. 1952 erhielt er eine Einladung, Deutschland zu besuchen. Die freundliche Aufnahme, der ihm hier durch alte Freunde zuteil wurde, aber auch die Aussicht auf künstlerischen Erfolg bewegten ihn 1953 zur endgültigen Rückkehr nach Deutschland.

Else Meidner, die nicht mehr dauerhaft nach Deutschland zurückkehren wollte, blieb in London. Der gemeinsame Sohn David war bereits 1951 nach Israel ausgewandert und in einen Kibbuz eingetreten. Als Ludwig Meidner 1963 erkrankte, fasste sie dennoch den Entschluss, nach Deutschland zu übersiedeln. Der nur wenige Monate dauernde Besuch bei ihrem Mann, der inzwischen in Darmstadt wohnte, blieb ein kurzes Intermezzo. Zu sehr hatten sich beide mittlerweile auseinander gelebt, zu verschieden war der jeweilige Lebensrhythmus (er malte beispielsweise die Nächte hindurch, sie arbeitete tagsüber), zu unerträglich die täglichen Reibereien und Eifersüchteleien. Schließlich beschloss Else Meidner nach England zurückzukehren.

Else Meidner, der es nun selbst gesundheitlich immer schlechter ging – vor allem machte ihr eine fortschreitende Arthritis zu schaffen –, lebte zunehmend isoliert in London. Ihre Kunst erhielt trotz einiger Ausstellungen in England und Deutschland kaum Anerkennung. Ihre letzten Bilder spiegeln die fortschreitende Vereinsamung wieder: immer mehr engte sich der Kreis der portraitierten Personen ein, bis zuletzt fast nur noch Selbstportraits und Bildnisse ihrer Schwester Hildegard, die ebenfalls in London lebte, entstanden. Auch in den anderen Genres, etwa bei ihren zahlreichen Akten, wandelte sie ihre immer wiederkehrenden Bildmotive oftmals nur noch geringfügig ab oder kopierte und variierte sogar die eigenen Kompositionen.

Ludwig Meidner, der zunächst in Frankfurt, dann in Marxheim am Taunus und zuletzt in Darmstadt lebte, konnte in Deutschland von Portraitaufträgen und Verkäufen wieder seinen Lebensunterhalt bestreiten. Er suchte Kontakt zu jungen Menschen und nahm 1958 seinen letzten, damals siebzehnjährigen Schüler in sein Atelier auf. Im Gegensatz zu seiner Frau, der es schwer fiel, sich mit dem Altern abzufinden und die zu einer gewissen Bitterkeit neigte, blieb er bis ins hohe Alter aufgeschlossen und kontaktfreudig. Nachdem er in seinen letzten Lebensjahren mit Auszeichnungen und Ausstellungen gewürdigt worden war, erschien kurz vor seinem Tode die erste umfassende Monographie zu seinem Lebenswerk. Ludwig Meidner starb 1966 in Darmstadt. Kurz darauf gab auch Else Meidner die Malerei aus Gesundheitsgründen und Resignation auf. Sie starb 1987 in London.

Videointerview zur Ausstellung

Erik Riedel betreut unser Ludwig Meidner-Archiv. Darin befinden sich, neben anderen Nachlässen, auch die künstlerischen Nachlässe von Ludwig und Else Meidner. In unserer Reihe zu 30 Jahren Jüdisches Museum spricht er über die Meidner-Doppelausstellung.

Ausstellungsort:
Jüdisches Museum Frankfurt

Heute geschlossen

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Untermainkai 14, 60311 Frankfurt am Main

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