Ausschnitt aus dem Begleitheft der Ausstellung Jehi-Or, 1991, Jüdisches Museum Frankfurt.
Rückblick

Jehi Or

Rituelles Licht im Design der Gegenwart / 26.08.1991 - 13.10.1991

Tradition bestimmt die Funktion jüdischer Zeremonialobjekte, während ihre Form von allgemein-künstlerischen und stilistischen Trends abhängt. Die verschiedenen Ausprägungen jüdischer Zeremonialobjekte, wie wir sie heute kennen, haben sich während des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts herausgebildet und wurden seitdem ständig wiederholt. Das neunzehnte Jahrhundert brachte mit dem Industriezeitalter einen allgemeinen Verfall des Kunsthandwerks mit sich, so dass auch im Bereich der jüdischen Zeremonialkunst die hergestellten Objekte zu unselbstständigen Nachahmungen vergangener „Meisterwerke“ herabsenken.

Auf diese Monotonie einfallsarmer und altmodischer Objekte reagierte man erstmals in den zwanziger Jahren unter dem Einfluss der modernen Architekturbewegung mit ihrer Suche nach zielbewussten und planmäßig hergestellten angemessenen Formen. Das Besondere an diesen frühen Beispielen zeitgenössischer jüdischer Zeremonialkunst lag in ihrer Schlechtheit und Materialaufrichtigkeit, in der Klarheit des Entwurfs sowie in einer gewissen Präferenz für geometrische Größenverhältnisse.

Die Suche nach modernen Formen für jüdische Zeremonialobjekte wurde mit dem Nationalsozialismus jäh unterbrochen. Einige der dem Bauhaus nahestehenden herausragenden Künstler wie Ludwig Wolpert konnten in der Emigration weiterarbeiten. Hier entstanden oftmals neue, allerdings nur gelegentlich weiterführende Synthesen mit der jeweiligen lokalen Formensprache.

Heute wird die Produktion jüdischer Zeremonialobjekte durch verschiedene oft widersprüchliche Tendenzen geprägt. Die Grenzen zwischen „Kunst“ und „Kunsthandwerk“ sind in Bezug auf Zeremonialobjekte verwischt worden.

Die Zusammenarbeit von Bildhauern und Handwerkern hat dazu geführt, dass auch Kunstwerke funktionale Bedeutung erlangt haben, was der grundsätzlichen Auffassung des historischen Judentums entspricht, Kunst nicht als Ziel an sich, sondern als Mittel zum Zweck zu begreifen.
Weder kann der heutige Künstler sämtliche individuellen Aufträge ausführen, noch kann ein Großteil der Bevölkerung den Preis für originale Objekte bezahlen. Massenproduktionen, so scheint es, könnte ein Ausweg sein.

In dieser komplizierten Situation wandte sich das Israel Museum in Jerusalem an international renommierte Architekten, Designer und Künstler und bat sie um ihre Mitarbeit an einem wichtigen Teilgebiet jüdischer Zeremonialkunst. Es sollten für die verschiedensten rituellen Zwecke Lampen und Leuchten entwickelt werden, um neue Perspektiven zu eröffnen und die Massenproduktion mit neuen Ideen zu stimulieren. Die Ausstellung „Nerot Mitzwah“ des Israel Museums war geboren worden.

Das Jüdische Museum der Stadt Frankfurt am Main zeigt nunmehr den Großteil der für „Nerot Mitzwah“ angefertigten Arbeiten, wobei auch der Planungsvorgang selbst in die Ausstellung einbezogen wurde. Eine Gruppe junger deutscher Architekten und Designer aus Frankfurt und Umgebung wurde gebeten, sich ebenfalls zu beteiligen. Ihre Arbeiten und konzeptionellen Beiträge stellen eine wesentliche Bereicherung der Ausstellung dar. Es ist dies wahrscheinlich das erste Mal, dass in Deutschland nach dem Holocaust moderne jüdische Zeremonialobjekte entwickelt, entworfen und hergestellt worden sind.
Georg Heuberger

Ausstellungsort:
Jüdisches Museum Frankfurt

Heute geschlossen

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Untermainkai 14, 60311 Frankfurt am Main

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