Rückblick

Ostend

Blick in ein jüdisches Viertel / 27.05.2000 - 12.11.2000

Die Ausstellung gibt einen Einblick in ein weitgehend von seiner jüdischen Bevölkerung geprägtes Frankfurter Stadtviertel, das durch Nationalsozialismus und Krieg unwiederbringlich verloren ist.

Das Ostend, seit etwa 1850 östlich der Wallanlagen als neues Wohnviertel entstanden, hatte um 1900 mit knapp 45 Prozent den höchsten Anteil an jüdischer Bevölkerung in der Stadt. So entstanden dort auch zahlreiche religiöse und soziale Einrichtungen für Juden, vor allem solche der religiös orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft. Um die Zentren orthodox-jüdischen Lebens wie die Synagoge an der Friedberger Anlage, die Israelitische Volksschule im Röderbergweg oder die Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG) Am Tiergarten gruppierten sich zahlreiche Wohlfahrtseinrichtungen, Vereine und koschere Geschäfte. Dadurch gab es im Ostend einen weitgehend geschlossenen Wohn-, Arbeits- und Lebenszusammenhang, der durch und für das Leben als Jude geschaffen war.

Der erste Ausstellungsteil vermittelt durch alte Postkarten einen Gesamteindruck von „Frankfurts schönstem Stadtteil”, wie es auf einer der historischen Postkarten heißt. Auf einem großen Stadtplan sind die jüdischen Institutionen und die hauptsächlich von Juden bewohnten Straßen farblich hervorgehoben.

Im weiteren Verlauf der Ausstellung werden dann die spezifischen jüdischen Aspekte des Lebens im Ostend gezeigt: das Familienleben, das berufliche und das religiöse Leben im Alltag, Eindrücke von religiösen Festen wie Pessach und Sukkot und von Familienfeiern wie Bar Mizwa. Vorgestellt werden die verschiedenen Synagogen und Talmudschulen (Jeschiwot). Schule und Ausbildung werden ebenso thematisiert wie das kulturelle Leben und das traditionell-religiös geprägte Eigenleben, das die vor wirtschaftlicher Not und politischer Verfolgung aus Osteuropa geflüchteten sogenannten Ostjuden im Frankfurter Ostend führten.

Das dichte Netz jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen, das sich im Ostend größtenteils auf der Grundlage von Stiftungen wohlhabender jüdischer Familien entwickelt hatte, wird in einem eigenen Ausstellungsteil vorgestellt. „Auf einem der luftigsten und freundlichsten Punkte der Stadt, auf dem Röderberge, sind die jüdischen Spitäler”, heißt es in einem Zeitungsbericht aus dem Jahre 1887 angesichts der Konzentration solcher Einrichtungen im Röderbergweg.

Vor allem entlang der Hanauer Landstraße kam es seit Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Ansiedlung verschiedener Industriebetriebe. Die Entwicklung dieses Teils des Ostends zu einem Gewerbe- und Industriegebiet wurde durch den Bau des Osthafens und der Großmarkthalle weiter gefördert. Dies ist das Thema des vierten Ausstellungsteils, wobei der Anteil jüdischer Firmen unter den Fabriken und Handelshäusern an der Hanauer Landstraße durch Objekte von Großfotos bis hin zu Rabattmarken verdeutlicht wird.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das jüdische Leben im Ostend ebenso rasch und nachhaltig zerstört wie in allen anderen Stadtteilen, doch es sind auch einige Besonderheiten festzustellen: Dadurch, dass die Nationalsozialisten nach dem November 1938 zunächst die westlichen Stadtteile „judenfrei” zu machen begannen, sowie durch den verstärkten Zuzug von Juden aus kleineren Städten und Gemeinden erhöhte sich der Anteil der jüdischen Bevölkerung im Ostend, und es entstand hier so etwas wie „Judenhäuser”. Das Vorgehen der Nationalsozialisten während des Novemberpogroms war im Ostend brutaler als im übrigen Stadtgebiet, und später diente die Großmarkthalle als zentrale Sammel- und Abfahrtsstelle für die Transporte in die Konzentrations- und Vernichtungslager. In der Ausstellung werden die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die jüdische Bevölkerung des Ostends nicht zuletzt auch aus dem Blickwinkel persönlicher Erinnerungen dargestellt, wozu auch Auszüge aus Interviews mit ehemaligen Frankfurtern zu hören sind.

Im sechsten und letzten Ausstellungsteil schließlich sind Objekte und Materialien zu sehen, die das Entstehen einer neuen Jüdischen Gemeinde in der Nachkriegszeit dokumentieren. Sie erhielt Liegenschaften im Baumweg, Röderbergweg und in der Gagernstraße zurück und versucht, an das einst blühende jüdische Leben im Ostend anzuknüpfen.

In der aufwändig gestalteten Ausstellung werden die Möglichkeiten der neuen Medien konsequent genutzt. So finden sich Computerterminals, an denen speziell die jüngeren Ausstellungsbesucher auf Detailinformationen zu den einzelnen Themenbereichen zugreifen können.

Zur Ausstellung erscheint auch ein umfangreicher Katalog mit zahlreichen Abbildungen, Erinnerungen ehemaliger jüdischer Bewohner des Ostends und Beiträgen von Fachexperten.

Ausstellungsort:
Jüdisches Museum Frankfurt

Heute geschlossen

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Bertha-Pappenheim-Platz 1, 60311 Frankfurt am Main

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