Katalog der Ausstellung "Arbeiter und Revolutionäre. Die jüdische Arbeiterbewegung"
Rückblick

Arbeiter und Revolutionäre

Die jüdische Arbeiterbewegung / 02.05.1996 - 25.08.1996

In dieser vom Beth Hatefutsoth (Disporamuseum) in Tel Aviv erarbeiteten Ausstellung wird die Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung in Europa und in den Vereinigten Staaten vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts erzählt.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstanden in Russland und Polen jüdische Arbeiterorganisationen. Es war die rechtliche und soziale Lebenssituation der Juden, die den Aufbau eigen-ständiger jüdischer Arbeiterorganisationen hervorrief: Die Juden lebten abgeschlossen in einem bestimmten Gebiet, dem sog. Ansiedlungsrayon, und besaßen nur eingeschränkte bürgerliche Rechte. Infolge des Verfalls des Feudalismus und der Entwicklung des Kapitalismus veränderte sich ihre wirtschaftliche Grundlage. Millionen verarmten und lebten als kleine Handwerker, Händler oder Arbeiter und waren einem scharfen Konkurrenzkampf ausgesetzt. Sie bildeten ein großes jüdisches Proletariat. Immer wieder waren sie der Unterdrückung durch die zaristische Regierung ausgesetzt und zum Verlassen des Landes getrieben.

Dies war der Boden, auf dem die jüdisch - sozialistische Bewegung Wurzeln schlug. Ihren Ursprung hatte sie in sozialistischen Zirkeln, die Intellektuelle unter dem Einfluss der revolutionären Gärung in den jüdischen Ballungszentren bildeten. Die jüdischen Intellektuellen wollten das Band mit ihrer Vergangenheit zerreißen, religiös-nationale Traditionen überwinden und in einer internationalen sozialistischen Bewegung aufgehen. Es zeigte sich jedoch schnell, dass sie eine Massenbewegung auf einer anderen Grundlage aufbauen mussten. Die Mehrheit der Juden lebte relativ isoliert in der eigenen Religion, Sprache und Kultur, dass sie nur in diesem Kontext, das heißt in der Sprache Jiddisch und in ihrer Lebensart ansprech-bar war. Dem trugen die jüdischen Arbeiterorganisationen wie der "Allgemeine Bund jüdischer Arbeiter in Litauen, Russland und Polen ("Bund" genannt) Rechnung. Er kämpfte für die rechtliche Gleichstellung der Juden, die Anerkennung ihrer Kultur und die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen. Gleichzeitig hatte er in der russischen Arbeiterbewegung um die Anerkennung der Existenz eines Jüdischen Proletariats zu kämpfen, denn die Juden galten traditionell als Teil der Ausbeuter.

In der Folgezeit entwickelte sich eine vielschichtige Verzweigung der jüdischen Arbeiterbewegung. Am folgenreichsten war die Begegnung von Sozialismus und Zionismus und die Entstehung eines Arbeiterzionismus, dessen Organisation die "Poale Zion" war, Er verknüpfte die Arbeiterfrage mit der Aufbauarbeit in Palästina, forderte entschieden die Einwanderung der Juden dorthin und den Aufbau des Landes als sozialistische Gemeinschaft. Die Pogrome in Russland stärkten seine Positionen. Seit etwa 1900 gingen überzeugte sozialistische Zionisten nach Palästina und begannen mit der Verwirklichung ihrer sozialen und nationalen Ideale z.B. im Aufbau der Kibbuzim.

In der internationalen Arbeiterbewegung war es schwer und langwierig, die Anerkennung der Forderung nach "kultureller und nationaler Autonomie" der Juden innerhalb Russlands zu finden. Noch heftiger verliefen die internationalen Auseinandersetzungen über eine Unterstützung der sozialistisch-zionistischen Bewegung.

Soziale Not und politische Verfolgung zwangen Millionen von Juden aus Osteuropa zur Auswanderung. In den Einwanderungsländern USA, England und Holland etc., Ländern einer stark industrialisierten Gesellschaft, blieben sie an der untersten Stelle der Gesellschaft: Juden gehörten zu den Gründern von Gewerkschaftsorganisationen und den treibenden Kräften in gewerkschaftlichen und politischen Kämpfen. Mit der in den zwanziger Jahren erfolgten Integrierung von Juden in die Gesellschaft lösten sich auch die jüdischen Arbeiterorganisationen auf.

In Deutschland entwickelten sich keine eigenständigen jüdischen Arbeiterorganisationen. Jüdische Persönlichkeiten wie Lassalle, Bernstein und Rosa Luxemburg nahmen eine herausragende Rolle in der allgemeinen Arbeiterbewegung ein. Der wachsende Antisemitismus verlangte immer wieder Stellungnahmen zur "jüdischen Frage" und Analysen des Antisemitismus innerhalb der Arbeiterparteien.

In dieser Ausstellung werden also zentrale und bis heute immer wieder aktuelle Fragen zur Vereinbarkeit von nationalem Weg und internationaler Solidarität, von der Bedeutung der Klassenzugehörigkeit gegenüber der völkisch-kulturellen Ein-bindung, vom Zusammenhang der wirtschaftlichen Entwicklung mit der Realisierung des Sozialismus, von sozialen Zielen und langfristigen politischen Veränderungen werden angesprochen.

An Hand von dokumentarischem Material wie Fotografien, Plakaten, Flugblättern und Schriften, aber auch mit anschaulichen Objekten wird dem Handwerkszeug jüdischer Arbeiter und der Rekonstruktion einer Schneiderwerkstatt (Sweatshop) wird den Besuchern ein eindrucksvolles Bild der jüdischen Arbeiterbewegung vermittelt. Videofilme und Diaserien geben einen Einblick in soziale Situationen.

Die Ausstellung war in folgende Themen gegliedert:

  • Handwerker und Arbeiter in Osteuropa
  • Die Ausbreitung des Sozialismus
  • Die Juden in der sozialistischen Bewegung
  • Die Anfänge des jüdischen Sozialismus
  • Der BUND - Russland
  • Gewerkschaften - Russland
  • Sozialistischer Zionismus
  • Arbeiterparteien - Eretz Israel
  • Nach der Revolution von 1917 - Sowjetunion
  • Sozialistische Parteien - Polen
  • Diamantenschleifer - Holland
  • Immigranten in der englischen Metropole
  • Sozialisten und Gewerkschaften - Holland
  • In den Sweatshops - Vereinigte Staaten
  • Sozialistische Zirkel - Vereinigte Staaten

Ein englischsprachiges Begleitbuch mit zahlreichen Abbildungen sowie eine deutschsprachige Zusammenfassung liegen zum Verkauf bereit.

Während der Ausstellung wurde ein umfangreiches Begleitprogramm präsentiert, das Spiel- und Dokumentarfilme und Vorträge umfasste. In den Vorträgen wurden insbesondere die Beteiligung von Juden in der deutscher Arbeiterbewegung und ihr Verhältnis zum Antisemitismus und zum Zionismus beleuchtet.

Helga Krohn

Ausstellungsort:
Jüdisches Museum Frankfurt

Heute geschlossen

  • Eintrittspreise noch offen

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Untermainkai 14, 60311 Frankfurt am Main

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